Leipzig, 12. Oktober 2011 (ADN).  Die deutsche Politik und die deutschen Gewerkschaften haben noch immer nicht begriffen, dass sie durch Lohnsenkungen das Ausland niedermachen. Im Gegenteil. Der IG-Metall Chef Berthold Huber hat die Wirtschaftspolitik auf seiner jüngsten Rede vor den Delegierten des IG-Metall-Kongresses noch als erfolgreich bezeichnet und über den grünen Klee gelobt. Das erklärte der Chefvolkswirt der Welthandelsorganisation UNCTAD, Prof. Heiner Flassbeck, am Mittwochabend in Leipzig auf einer Veranstaltung unter dem Titel „Der letzte Akt des Euro?“. Deutschland lebe seit Jahren unter seinen Verhältnissen und habe mit seiner hohen Produktivität Griechenland regelrecht fertiggemacht. Es unterbiete damit nicht nur die südeuropäischen Staaten, sondern sogar Frankreich. Die Deutschen seien tüchtig gewesen im Gürtel-enger-Schnallen und hätten so die Prinzipien der Europäischen Währungsunion (EWU) unterminiert. Mit Griechenland habe es seinen eigenen Kunden zugrunde gerichtet. Die Situation ähnele der vor 20 Jahren, als Geld aus West- nach Ostdeutschland transferiert wurde, damit die ehemaligen DDR-Bürger nicht die eigenen Erzeugnisse kaufen, sondern die „Siegerprodukte“ aus dem Westen. So stehe heute nunmehr nicht nur der Euro kurz vor seiner Zerstörung, sondern ganz Europa. „Wir erzeugen politische Krisen und ziehen uns in die nationalen Schneckenhäuser zurück“, so Flassbeck. Sogar der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, ziehe durch das Land und denke laut darüber nach, eine neue rechte Partei zu gründen. Deutschland befinde sich in einer Lage wie zur Zeit der größten Depression 1929 bis 1933 unter Heinrich Brüning. Er habe schon vor 80 Jahren das Falsche gemacht, was Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble heute wiederholt. Die deutschen Politiker wollen nach den Worten von Flassbeck einfach nichts begreifen. Wenn man von Griechenland etwas Unmögliches verlangt, dann werde etwas explodieren. Auch Krieg liege dann im Bereich des Möglichen.

Eine Problemlösung sieht Flassbeck in der Erhöhung der deutschen Nominallöhne. Sie müssten stärker steigen als im Rest der Europäischen Währungsunion. Er bezifferte den jährlichen Lohnzuwachs auf nominal 4,5 Prozent. Real wären das 2, 5 Prozent. Diese Steigerung müsste bis zum Jahr 2022 durchgehalten werden. Auch unter diesen Umständen würden die deutschen Unternehmen immer noch Marktanteile im Ausland gewinnen. Aber das begreifen weder Deutschlands Politiker noch die deutschen Medien, erklärte der Ökonom. Erstaunlicherweise habe das eine große Kommunistische Partei verstanden: die in China.

Beispielgebend für Griechenlands Rettung ist nach Ansicht Flassbecks Argentinien. Der seinerzeit fest an den US-Dollar gekoppelte Pesos wurde gelöst und um 65 Prozent abgewertet. Das ließ Argentinien und seine Wirtschaft aufatmen. Griechenland und die anderen südeuropäischen Länder müssten sich dem Diktat Deutschlands entziehen.

Flassbeck, der seitnerzeit unter Finanzminister Lafontaine Staatssekretär war und seit acht Jahren bei der UNCTAD arbeitet, unterstrich die von der deutschen Politik völlig unterbelichtete Bedeutung des Binnenmarktes. ++ (wi/mgn/12.10.11-4)