Moskau/Paris, 9. Mai 2012 (ADN). Moskau begeht den 67. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland drei Tage lang. Nach der Inauguration Wladimir Putins als Präsident im zaristischen Glanz in dem Kreml-Sälen und der Ernennung seines Amtsvorgängers Dimitri Medwedew zum Ministerpräsidenten folgte am heutigen Mittwoch die machtvolle Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau. Nun sind für die nächsten sechs Jahre die politischen Pflöcke in Russland eingeschlagen. Nicht nur für die innere Entwicklung des größten Staates der Erde ist der Kurs festgezurrt, auch außenpolitisch hat der zum dritten Mal zum Präsidenten Russlands gekürte Asket Putin freundlich, aber bestimmt  Klartext gesprochen. Vor den Veteranen und Teilnehmern des Großen Vaterländischen Krieges erinnerte Putin an die Zerschlagung des gemeinsamen und grausamen Feindes im Zweiten Weltkrieg. Daraus seien Lehren zu ziehen und immer noch – in Gegenwart und Zukunft – zu beherzigen. Russland habe ein Recht auf seine Verteidigung, weil es schon damals den Hauptstoß des Feindes abgefangen und die Welt befreit habe. Wir sind Soldaten der Freiheit, rief er vor den Zuhörern und Zuschauern der Militärparade. aus

Konkretes über eventuielle Bedrohungen Russlands ließ der Präsident weder bei seiner Ansprache zur Amtseinführung noch bei der Rede auf dem Roten Platz verlauten. Das tat er allerdings um so deutlicher während eines Interviews in einer Fernsehdokumentation, die vom Sender „Phoenix“ aus aktuellem Anlass heute Vormittag ausgestrahlt wurde. Entgegen seiner sonst sehr ernsten Mimik brach Putin ungewohnterweise in gleichsam schallendes Gelächter aus, als ihn der Gesprächspartner nach dem von der NATO geplanten, angeblich gegen den Iran gerichteten Rakentenschutzschild fragte. Damit beantwortete Putin gleichsam unausgesprochen, dass die russische Führung dies als eine Art infantiles Scheinargument des Westens einschätzt. Den eigentlichen ernsten Hintergrund eines solchen Scherzes vom „Schutzschild gegen Iran“ kennen offensichtlich – zumindest in Russland –  die Experten in der Armee und der Politik. Russland fühlt sich von dem Projekt ernsthaft bedroht. Sogar der Putin kritisch gegenüber stehende ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow hat solche gefährlichen militärstrategischen NATO-Pläne Ende des Jahres 2011 in München in einer bemerkenswerten Rede ausführlich und mit sehr offenen Worten zur Sprache gebracht. Eine von mehreren handfesten Antworten auf die verklärenden und diffusen NATO-Pläne rund um den Raketenschutzschild gab die heutige Moskauer Militärparade: Riesige Topol-M-Interkontinentalraketen mit einer Reichweite von 11.000 Kilometern rollten über das Pflaster im Zentrum der russischen Hauptstadt. Diese gewaltigen mit Atomsprengsätzen ausrüstbaren Raketen sind binnen zehn Minuten startklar und können sowohl vom Lande als auch aus der Luft von Großraumflugzeugen abgefeuert werden. Es wird angenommen, dass diese Waffen in Kaliningrad an der Ostsee stationiert werden, wenn die NATO tatsächlich ihren Raketenschutzschild in Mitteleuropa errichtet.

Während Russland des Tages der in Berlin-Karlshorst unterzeichneten Kapitulationserklärung der Deutschen Wehrmacht gegenüber den Hauptsiegermächten des Zweiten Weltkriegs mit großem Aufwand gedachte, fiel das Zeremoniell in Paris einige Nummern kleiner aus. Der scheidende Präsident Nicolas Sarkozy und sein Amtsnachfolger Francois Hollande legten gemeinsam Kränze am Grabmal des Unbekannten Soldaten im Zentrum der französischen Hauptstadt nieder. Sie erinnerten in erster Linie an die bedingungslose Kapitulation, die bereits am 7. Mai 1945 in Reims im Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte von der deutschen Generalität erklärt worden war.

Von größeren Zeremoniellen anlässlich des Kriegsendes am 8. Mai 1945 seitens der anderen drei Hauptsiegermächte USA, Großbritannien und China ist in der Öffentlichkeit wenig oder nichts bekannt geworden. Bei den damailgen deutschen Kriegsgegnern wurde in einer ARD-Fernsehdiskussion am gestrigen Dienstagabend erneut auf die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 verwiesen, der darin erstmals in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) den Begriff „Tag der Befreiung“ verwendete. In der Öffentlichkeit wurde und wird ihm dafür bis heute enormer Mut und Zivilcourage zugesprochen. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, benötigten die politischen Eliten der BRD also vierzig Jahre. In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) lernten seit deren Gründung im Jahre 1949 bereits die Grundschüler den 8. Mai als den Tag der Befreiung kennen. Er war dort zeitweise sogar Feiertag. ++ (mi/mgn/09.05.12 – 137)

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