Köln, 7. Januar 2012 (ADN). Die gegenwärtige Politik ist eine Landschaft von erloschenen Vulkanen. Diesen Funktionsmechanismus nennt der britische Soziologe Collin Crouch Postdemokratie. Dabei werden weltweit demokratische Strukuren verdrängt durch die Macht von Lobbyorganisationen und durch informelle Netzwerke. Die modernen Entscheidungsmechanismen entziehen sich nach den Worten von Collin Crouch dem klassischen demokratischen Regelungskorsett.

Der Brite eröffnete mit seinem Vortrag in Köln eine internationale Konferenz zum 50. Jahrestag des Deutschlandfunk-Sendestarts. Auf der heute beendeten Veranstaltung traten weiterhin der Historiker Paul Nolte und der Verfassungsrechtler Franz C. Mayer auf. Zu den Rednern aus dem Ausland gehörten der Generaldirektor des Schweizerischen Rundfunks und Fernsehens, Roger de Weck, sowie Spitzenvertreter der britischen BBC und von National Public Radio aus den USA.

Im Vordergrund der Tagung standen die Rolle der Politik in der digitalen Welt und die künftige Entwicklung des politischen Journalismus. Dazu erklärte der Chefredakteur des Deutschlandfunk (DLF), Stephan Detjen, dass es nicht darauf ankomme, den Wettlauf mit der Zeit um die nächste neue Nachricht fortzusetzen. Das sei angesichts der gigantischen Informationsflut, die über die Menschen allerorten hereinbricht, kein besonderes Gütemerkmal mehr. Heute gehe es darum, Journalismus mit Qualität zu praktizieren. Das erfordere eine kluge Auswahl und Bewertung von Nachrichten und Trends. Ein gewisses Entschleunigen sei nicht nur Gebot der Stunde, sondern der nächsten Jahre. Das Rennen um die exklusiven Nachrichten trete in den Hintergrund zugunsten der Kompetenz, Nachrichten erklären und gewichten zu können. Investigativer Journalismus manifestiere sich keinesfalls darin, sich bei Zuhörern, Lesern und Zuschauern beliebt zu machen.

Um den Wandel in der Medienwelt zu illustrieren, erläuterte Detjen den aktuellen Konflikt Christian Wulff und dessen Kontrahenten – die Bild-Zeitung. Es sei daran zu erinnern, dass die Bild-Zeitung noch in den 80er Jahren bis zum Bundesverfassungsgericht gegen Günter Wallraff  klagte. Der Autor hatte heimlich in der Redaktion der Bilöd-Zeitung recherchiert und seine Erkenntnisse veröffentlicht. Heute berufe sich die Bild-Zeitung auf die Pressefreiheit, die unter anderem im Wallraff-Urteil gegen die Bild-Zeitung erstritten worden sei. ++ (md/mgn/07.01.12 – 7)