Archive für Beiträge mit Schlagwort: Kriegswirtschaft

Merkers/Völkershausen (Rhön), 13. März 2012 (ADN). Das Gesprächsforum „Unterirdischer Dialog“ wurde am heutigen Dienstag eröffnet. Initiator Matthias Günkel teilte in Völkershausen (Rhön) mit, dass der Dialog zwischen investigativen Journalisten, Politikern, Wissenschaftlern, Managern und Bürgern zu brisanten und explosiven Themen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Natur in Zeitabständen von zunächst drei Monaten stattfinden wird. Die Veranstaltungen sollen in der Regel in einem stillgerlegten Kali-Bergwerk 750 Meter unter der Erde stattfinden. Als ständige Gäste werden vor allem Mitglieder von Netzwerk Recherche eingeladen. In dieser Organisation sind Publizisten vereint, die sich dem sogenannten investigativen Journalismus verschrieben haben.

In den Tiefen der ehemaligen Grube „Ernst Thälmann“ Merkers wurde am 13. März 1989 – vor genau 23 Jahren – durch bergmännische Tätigkeit ein sogenannter Gebirgsschlag ausgelöst. Binnen zwölf Sekunden stürzten riesige Grubenfelder  in sich zusammen. Das künstlich von Menschenhand verursachte Erdbeben  in der Stärke von 5,8 auf der Richterskala beschädigte Gebäude, Fabrikanlagen und andere Bauwerke in rund 40 Städten und Gemeinden der thüringischen Rhön schwer oder zerstörte sie. Im Epizentrum Völkershausen wurden 80 Prozent der Bausubstanz liqudiert. Unter Geologen, Seismologen und anderen Experten wird die Katastrophe als Völkershausen-Ereignis bezeichnet. Es gilt als das größte derartige Unglück, bei dem sich eine mit der Sprengkraft von zehn Atombomben vergleichbare Eruptivwirkung entwickelte. Neben den materiellen, finanziellen, gesundheitlichen und anderen Schäden folgten der Katastrophe im seinerzeitig thüringisch-hessischen Grenzgebiet erhebliche politische, wirtschaftliche und kulturelle Auseinandersetzungen  zwischen DDR und BRD, die in vielerlei Facetten bis in die Gegenwart fortwirken. Wenige Jahre später wurde das Unglücks-Bergwerk zusammen mit der gesamten thüringischen Kali-Industrie stillgelegt.

Welch eminenter Aufklärungsbedarf darüber sowie viele andere historische und aktuelle Vorgänge in nah und fern besteht, belegt das derzeitige Tagesgeschehen rund um diesen 23. Jahrestag des weltweit schwersten Gebirgsschlags. So ließ sich am Vortag Bundesumweltminister Norbert Röttgen zum ersten Mal nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren im niedersächsischen Salzbergwerk Asse blicken, in dem Atommüll in unverantwortlicher Weise lagert. Seine Gesichts-Mimik sprach Bände: blanke Ratlosigkeit.

Gleichzeitig wird im französischen Marseille auf der Weltwasserkonferenz darüber beraten, wie das Lebensmittel Wasser auf dem Globus giftfrei und frisch gehalten oder gemacht werden kann. Unbemerkt davon fließt eben vom ehemaligen Gebrigsschlag-Katastrophen-Gebiet an der Werra aus Deutschlands schmutzigster Fluss. Die Werra – ehemals Grenzfluss zwischen DDR und BRD – transportiert bis zum heutigen Tag Unmengen von Chemikalien durch fünf Länder der Bundesrepublik Deutschland in die Nordsee. Diese stille Umweltkatastrophe wird über die Jahre hinweg weitgehend verschwiegen und – im wahrsten Sinne des Wortes – verwässert.

Die besonders starke Versalzung der Werra ist seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Gange. Zu Zeiten der Kriegswirtschaft der Nazis wurde es den deutschen Kaliwerken genehmigt, die Werra mit sehr hohen Chemikalien-Bestandteilen zu belasten. Zahlreiche Bergwerksstollen der Kali-Industrie wurden als unterirdische Produktionsstätten für die Rüstungswirtschaft bevorzugt genutzt. Nicht nur aus diesem Grund machte die Politik Zugeständnisse an die Kali-Industrie, die im Jahre 1942 einen maximalen Verschmutzungsgrad der Werra am Messpunkt im thüringischen Gerstungen von 2.500 Miligramm Chlorid pro Liter Fluss-Wasser erlaubt bekam. An diesem Zustand – insbesondere an diesem skandalös hohen Mess-Wert – hat sich in den vergangenen 70 Jahren nichts verändert. ++ (kt/mgn/13.03.12 -76)

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Leipzig/Köln, 1. Dezember 2011 (ADN). Verschleiern, Wegsehen, Ignorieren. Die richtige Wortwahl zu treffen, fiel Dr. Heribert Schwan am Mittwochabend in Leipzig schwer. Der ausgewiesene Kenner der Personalia Hannelore und Helmut Kohl kann nur vermuten, was die Familie des Ex-Bundeskanzlers bewogen hat, die Biographie des glühenden Nationalsozialisten und hochdotierten Wirtschaftsführers Wilhelm Renner lebenslänglich und kunstvoll zu umschiffen. „Seit 1933 war er Mitglied der NSDAP und es gibt keine Belege dafür, dass sich Hannelores Vater vom völkisch-rassistischen Antisemitismus seiner Partei in irgendeiner Weise distanziert hätte“, zitierte Schwan aus seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Die Frau an seiner Seite – Leben und Leiden der Hannelore Kohl“. Renner war Direktor in der HASAG AG, einem der größten Rüstungskonzerne in Nazi-Deutschland. Dort wurde Munition und die berühmt-berüchtigte Panzerfaust entwickelt und hergestellt – vor allem durch massenhafte Zwangsarbeit. „Von den ungefähr 22.000 KZ-Häftlingen, die bis zum Ende des Krieges die deutschen Lager der HASAG passierten, wurden nach neuesten Erkenntnissen 20 bis 30 Prozent ermordet. Insgesamt arbeiteten in den deutschen und polnischen Betrieben des HASAG-Konzerns mindestens 60.000 KZ-Häftlinge und sogenannte Àrbeitsjuden`. Das waren mehr als bei den mächtigen IG Farben. Gesichert sei, so berichtete Schwan bei der von der Gedenkstätte für Zwangsarbeit veranstalteten Buchlesung weiter, dass 32.000 dieser Frauen und Männer starben: am Arbeitsplatz, im Lager, durch Erschießungen im Anschluss an „Selektionen“ oder auf den Todesmärschen. Nach den Worten von Schwan haben Forscher festgestellt, dass sowohl qualitativ als auch quantitativ die HASAG dasjenige Unternehmen war, das stärker als alle anderen privatwirtschaftlichen Betriebe den skrupellosen Einsatz und Mord von KZ-Häftlingen und „Arbeitsjuden“ betrieb. Wilhelm Renner trug dafür maßgebliche Verantwortung und wurde bis zu seinem Tod 1952 dafür niemals zur Rechenschaft gezogen. Er flüchtete nach Kriegsende mit seiner Familie kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen aus Leipzig in die französische Besatzungszone.

Nach Ansicht von Schwan kommen auch permanente Verdrängung in Höchstpotenz oder vielwissendes Verschweigen als Kriterien in Betracht, um den erstaunlichen Umgang des Historikers Helmut Kohl mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seines Schwiegervaters zu erklären. Bloße Unkenntnis dürfte als wenig glaubhafte Ursache nicht zu vermitteln sein, zumal sich Kohl in seinen Memoiren geradezu uferlos in Schilderungenm über sein eigenes Elternhaus und deren Vorfahren ergeht. Zu seinen Schwiegereltern jedoch fallen bestenfalls zwei, drei harmlose Sätze.

Die frappierend einseitige Sichtweise des Spitzenpolitikers Kohl, der die Bundesrepublik Deutschland 16 Jahre lang regiert hat, sich als der Geschichte verpflichtete Person betrachtet und das geflügelte Wort von der „Gnade der späten Geburt“ prägte, lässt auf eiskaltes Machtkalkül schließen. Dies dominierte wohl die generelle Stimmungslage im Hause Kohl, unter der Ehefrau Hannelore immer mehr litt und sie letztlich in den Selbstmord getrieben hat.

Der Kölner Heribert Schwan, langjähriger Fersehjournalist beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Redakteur beim Deutschlandfunk, würdigte die für seine Recherchen wichtigen Untersuchungen der Leipziger Wissenschaftler Klaus Hesse und Mustafa Haikal. Der eine beschäftigt sich intensiv mit der Rüstungswirtschaft in Leipzig während des Dritten Reiches, der andere widmete sich eingehend mit der Historie des Helmholtz-Zenmtrums für Umweltforschung Leipzig(UFZ). In dessen denkmalgeschütztem Hauptverwaltungsgebäude, das ehemals die HASAG-Zentrale beherbergte und in dem Wilhelm Renner ein- und ausging, fand auch die Lesung statt. ++ (dr/mgn/01.12.11 – 25)