Archive für Beiträge mit Schlagwort: Nationalsozialismus

Leipzig, 9. Oktober 2013 (ADN). Am Rande des am Mittwoch zum fünften Mal inszenierten Lichtfestes in Leipzig flammte die oft geführte Diskussion um den Nationalfeiertag der Deutschen wieder auf und erreichte einen neuen Höhepunkt. Der „Leipziger Volkszeitung“ zufolge wollen Sachsens friedliche Revolutionäre das wichtigste nationale Datum auf den 9. Oktober verlegen. Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, wird mit dem Satz zitiert: „Ohne den 9. Oktober 1989 hätte es den 9. November 1989 – den Tag des Mauerfalls in Berlin – und den 3. Oktober 1990 nicht gegeben.“ Ihm stimmte der Theologe und als Bürgerrechtler bezeichnete Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg zu . Der 3. Oktober sei der Tag der friedlichen Volkserhebung und der 3. Oktober lediglich ein Rechtsakt ohne jede emotionale Erinnerung.

Der seinerzeitige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte in der ihm anhaftenden Selbstherrlichkeit und fast im Alleingang den 3. Oktober zum Nationalfeiertag auserkoren. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) durfte nicht mehr ihren 41. Geburtstag am 7. Oktober feiern, wird hinter vorgehaltener Hand – zumindest im Osten – geflüstert. Den Westdeutschen ist es ohnehin weitgehend gleichgültig. Für sie ging es am 17. Juni, der jahrzehntelang von 1954 bis 1990 – in der Bundesrepublik Deutschland als Tag der deutschen Einheit begangen wurde, ohnehin nur um möglichst gutes Ausflugswetter an diesem arbeitsfreien Tag. Sie hatten zum damaligen Volksaufstand 1953 ebenso wenig beigetragen wie 1989 zur „Friedlichen Revolution“.

Schon vor der Existenz der beiden deutschen Staaten war der Nationalfeiertag ein Stiefkind der Deutschen. Unter den Nationalsozialisten wurde der 1. Mai als Tag der Arbeit in die Nähe eines Nationalfeiertages gerückt. Zu Zeiten der Weimarer Republik war der Verfassungstag das wichtigste Datum des nationalen Gedenkens. Es war der 11. August 1919 – der Tag, an dem Reichspräsdident Friedrich Ebert im thüringischen Schwarzburg die Weimarer Verfassung unterzeichnete und in Kraft setzte. Zuvor gab es keinen festgelegten nationalen Gedenktag. Nach der Reichseinigung 1871 geisterten nur drei Vorschläge durch die politische Debatte. Dabei gewann der 2. September als Sedanstag Oberwasser, ohne jemals offiziell fixiert worden zu sein. An diesem Tag hatte die französische Hauptarmee 1871 vor den deutschen Truppen kapituliert.

Vor dem Jahr 1870 galten in den deutschen Einzelstaaten und Regionen meist die Krönungstage der jeweils herrschenden Fürsten als Staatsfeiertage. Insgesamt stehen die sonst so peniblen und auf korrekte Staatsstrukturen bedachten Deutschen mit der Bestimmung ihres Nationalfeiertages auf Kriegsfuß. In der langen historischen Reihe der Daten dürfte sich als geeignetster und würdigster Tag wohl der 11. August herausschälen. Er gilt als die „Geburtsstunde der Demokratie“. Außerdem erfüllt die Weimarer Republik die Voraussetzungen eines funktionstüchtigen Staatsgebildes am vorzüglichsten. Das kann von dem gegenwärtig als wiedervereinigtes Deutschland oder Bundesrepublik Deutschland benannten Verwaltungsapparat nicht gesagt werden. Ihm fehlt es aufgrund der Zwei-Plus-Vier-Verträge und den Vertragsbeziehungen zu den Allierten Siegermächten an der notwendigen Souveränität. Sie wieder zu erlangen, ist nicht Absicht der bundesdeutschen Politiker. Sie wollen Deutschlands Souveränitätsrechte sofort an die Zentralbürokratie der Europäischen Union (EU) abtreten. ++ (pl/mgn/09.10.13 – 276)

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Berlin, 2. Oktober 2013 (ADN). Ehemalige Nationalsozialisten übten einen atmosphärisch prägenden Einfluss auf den bundesdeutschen Verfassungsschutz aus. Diese Einschätzung wurde bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin gegeben, auf der der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen, eine Zwischenbilanz zu einem Forschungsbericht über die Nazi-Durchsetzung seiner Behörde in den Jahren 1950 bis 1975 präsentierte. Den Auftrag dazu haben die Historiker der Ruhr-Universität Bochum, Constantin Goschler und Michael Wala, erhalten. Eine ihrer bisherigen Erkenntnisse besteht darin, dass etwa 13 Prozent des BfV-Personals Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP) oder anderer NS-Organisationen gewesen sind. Der relativ geringe Anteil ergibt sich daraus, dass nur zu 205 Personen auch entsprechende Dokumente gefunden wurden. Es handelte sich dabei vor allem um Impflisten und Protokolle zu Personalratswahlen. Schon deshalb sind nach Auffassung die Zahlen mit äußerster Vorsicht zu genießen. Dennoch wollen sie in der Folgezeit – über das bloße Zählen von Parteigängern hinaus – zu qualitativen Rückschlüssen kommen.

Dass es in der Anfangsphase des BfV vergleichsweise wenig belastete Mitarbeiter gab, führen die Historiker auf die Kontrolle der Alliierten bei der Personalgewinnung zurück. Beabsicht war, keine neue Geheime Staatspolizei (Gestapo) entstehen zu lassen. Auch Ex-Angehörige von Sicherheitsdienst (SD) und Schutzstaffel (SS) sollten nicht toleriert werden. Dennoch gab es BfV-Mitarbeiter, die zu solchen Gliederungen gehört hatten. ++ (ge/mgn/02.10.13 – 269)

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New York/Berlin/Bonn, 18. September 2013 (ADN). Vor genau vierig Jahren stellte der Generalsekretär der Vereinten Nationen UNO), Kurt Waldheim, die Aufnahme der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Bundesrepublik Deutschland (BRD) vor der Generalversammlung zur Abstimmung. Zu dem historischen Tag waren DDR-Außenminister Otto Winzer und BDR-Außenminister Walter Scheel mit Delegationen nach New York gekommen.
Wie so oft gab es bis zu den letzten Momenten Streitgkeiten, die zu schlichten waren. Es ging zunächst um die Vergabe der Startnummern 133 und 134. Nach dem Alphabet in englischer Sprache wäre die 133 der BRD zugefallen und die 134 der DDR. Das Gegenteil trat ein, denn die Repräsentanten der DDR bestanden auf einer Einordnung nach französischem Sprachmuster. Die „lingua diplomatica“ obsiegte. Die DDR wurde das 133. Neumitglied und die BRD das 134. Neumitglied. So legte es die Protokollabteilung der Vereinten Nationen fest.

Als weitere und letzte Barriere für den jeweils anderen deutschen Teilstaat gebärdeten sich die Schon-Mitglieder Israel und Guinea. Israel wollte der DDR seine Zustimmung verweigern, weil die Ostdeutschen keine Ausgleichsleistungen an Tel Aviv für das nationalsozialistische Unrecht gegenüber den Juden gezahlt hatte. Guinea war gegen die Aufnahme der BRD, weil Westdeutschland sich nicht gegen die Kolonialherrschaft der europäischen Mächte in Afrika positionierte.

Letztlich wurden beide deutschen Staaten per Akklamation aufgenommen, da die Zwei-Drittel-Mehrheit aller UNO-Mitgliedsstaaten vorlag. Von diesem Augenblick an erlosch die sogenannte Hallstein-Doktrin. Mit deren Hilfe hatte die Bonner Regierung den Alleinvertretungsanspruch des westdeutschen Teilstaates mittels politischer und wirtschaftlicher Blockaden durchsetzen wollen. Außerdem sollte die DDR außenpolitisch isoliert werden. ++ (vk/mgn/18.09.13 – 256)

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Köln, 16. Mai 2013 (ADN). Es hat bereits früh eine „verdeckte Integration“ stattgefunden. Das erklärte Constantin Goschler von der Ruhr-Universität Bochum im Deutschlandfunk auf die Frage nach der Nazi-Belastung bundesdeutscher Sicherheitsbehörden nach dem Zweiten Weltkrieg. Er und andere Bochumer Wissenschaftler stellten fest, dass eine Vielzahl von NS-Belasteten an der alliierten Kontrolle und der Amtsspitze vorbeigeschleust und als freie Mitarbeiter engagiert wurden. Als Beispiel wird der ehemalige Kriminalkommissar Josef Baumer angeführt. Er war an Misshandlungen eines am Hitler-Attentat im Juli 1944 Beteiligten verwickelt. Nach dem Krieg arbeitete er für die Nachrichtenstelle des Hamburger Verfassungsschutzamtes.
Constantin Goschler bezeichnete die Spionageabwehr als ein Nest von Alt-Nazis, in dem „eine relativ hohe Konzentration phasenweise existierte. Und durch diese Verdichtung gab es dann eben auch atmosphärische Auswirkungen, also etwa einen extrem autoritären Führungsstil.“
Anders als beim Bundesnachrichtendienst (BND) und beim Bundeskriminalamt (BKA) unterlag der Verfassungsschutz einer starken Kontrolle der Westalliierten , heißt es in dem Rundfunkbeitrag.

Nach den Worten von Geschichtsprofessor Klaus Dietmar Henke von der Technischen Universität (TU) Dresden finden sich bei dem Vorläufer des BND – der Organisation Gehlen – nach Kriegsende zahlreiche personelle Kontinuitäten, weil die USA das im nationalsozialistischen Militär- und Spionageapparat vorhandene Wissen im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion nutzen wollten. Er verweist darauf, das es dort noch zu Zehntausenden ehemalige Wehrmachts-Offiziere und Angehörige der Waffen-SS gegeben hat. Der Dienst sei damals nicht nur in völliger Abschirmung von der Öffentlichkeit entstanden, sondern auch in einer Art unkontrolliertem Wildwuchs – anders als beispielsweise in der Bundeswehr und im Auswärtigen Amt.
Ähnliche Zustände schildert der Wissenschaftler Imanuael Baumann über die Verstrickung der Führungskräfte im BKA. Der Historiker wirkte an solchen Forschungen mit und ist Mitautor des Buches „Schatten der Vergangenenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik“. Die NS-Belastung in der Krimininalbehörde sei bis 1969 nur allmählich gesunken. erst in den 70er Jahren verringerte sie sich durch den Eintritt eines großen Teils dieses Personals in den Ruhestand. ++ (vf/mgn/16.05.13 – 103)

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Dresden/Leipzig, 10. Dezember 2012 (ADN). Mehr als 1.300 Menschen wurden während der Naziherrschaft und deren politischer Justiz in Dresden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zwei Drittel der Opfer stammte aus dem seinerzeitigen „Protektorat Böhmen und Mähren“ sowie dem „Sudetengau“.  Darüber informierte Dr. Birgit Sack bei Eröffnung der Ausstellung „Verurteilt. Inhaftiert. Hingerichtet.“ am Montag – dem Internationalen Tag der Menschenrechte – in der Gedenkstätte Münchner Platz Dresden. Die Gedenkstättenleiterin teilte mit, dass dieser Erinnerungsort damit nunmehr über eine moderne und ausgewogene Exposition verfügt. Nach Jahren der Recherche und der Forschung sehe man sich jetzt in der Lage, die ganze Bandbreite der Verfolgung während des Nationalsozialismus (NS) zu behandeln sowie die lange verschwiegene Weiternutzung des Ortes während der sowjetischen Besatzungszeit und der frühen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu thematisieren. „Mit der Ausstellung kann die Geschichte des Justizmissbrauchs in Dresden erstmals umfassend erzählt werden“, unterstrich die Historikerin.

Zu den Justizopfern im NS-Staat gehörten neben den politisch Verfolgten auch andere Bevölkerungsgruppen. Es waren Bürger, die der „Rassenschande“ geziehen oder die wegen des Abhörens ausländischer Sender verurteilt wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten zu den Angeklagten und Verurteilten am Münchner Platz Dresden vermeintliche und tatsächliche NS-Verbrecher.  Desweiteren waren der Spionage Verdächtige betroffen. Andere Angeklagte wurden mittels Wirtschaftsstrafverfahren enteignet. Um den Fortgang interessengeleiteter und ideologisierter Rechtspolitik und -praxis nach dem Krieg zu verdeutlichen, trägt die Ausstellung den Untertitel „Politische Justiz in Dresden 1933-1945 / 1945-1957“.

Die Geschichte des Münchner Platzes wird anhand von mehr als 700 Fotos, Zeichnungen, Dokumenten, Grafiken und originalen Gegenständen illustriert. Zeitzeugen legen über Hör- und Videostation eindrucksvolle Zeugnisse über die seinerzeitigen Zustände ab. Auf einer Wand werden Abschiedsbriefe von Opfern der NS-Justiz gezeigt. Die Exponate stammen aus regionalen und überregionalen, in- und ausländischen Archiven und Museen. So wird ein Blutdruckmessgerät von Dr. Margarete Blank aus der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig gezeigt. Die in der sächsischen Großstadt und deren Umgebung tätige Ärztin war denunziert worden und gehörte zu den letzten von Nazi-Henkern in Dresden Hingerichteten.

Weitere Ausstellungsstücke wurden von ehemaligen Justizopfern, deren Angehörigen und Nachfahren zur Verfügung gestellt. Dazu zählt ein Kartenspiel des Tschechen Adolf Bures. Er hatte es während seiner Dresdner Haft 1943/44 aus Karton, Papier und Faden selbst hergestellt. ++ (mr/mgn/10.12.12 – 350)

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Berlin, 27. Dezember 2012 (ADN).  „Schindlers Liste“ ist ein einleuchtendes Beispiel für die komplexe Schwierigkeit, die Nazi-Verbrechen in ihrem gesamten Umfang und der erforderlichen Tiefe zu verdeutlichen. Die Rettung von 600 jüdischen Menschen vor dem „Holocoust“ filmisch darzustellen, ist um vieles einfacher, als die systematische Ermordung von sechs Millionern Menschen in ihrer ganzen Dimension zu illustrieren und vorstellbar zu machen. Das erklärte der Journalist Daniel Erk im Deutschlandfunk am Freitag. Er betreibt für die „tageszeitung (taz)“ einen Hitler-Blog, um die vielfältigen, durch die Medien geisternden Hitler-Phänomene einzuordnen und zu beleuchten.

Nach den Worten  von Erk lässt sich mit dem „Drohgespenst des Dritten Reichs“ leicht Politik machen. Insofern gerate der Gedenktag zum Holocoust, der sich heute zum 67. Mal jährt, fast regelmäßig zu einem ungenügend überzeugenden, fast oberflächlichen Ritus. Die Beklemmung,die viele bei dem Thema spüren, werde in Humor umgemünzt, um dieses emotional sehr großen und kaum zu bewältigenden Problembergs irgendwie Herr zu werden.

Zur Banalisierung von Hitler und allem damit Zusammenhängenden kommt es nach Auffassung von Erk dadurch, dass mit Ersatzhandlungen reagiert wird. Von jedem werde eine Meinung und eine Haltung erwartet. Statt sich mit dem unangenehmen und sehr schmerzhaften Details der Geschichte auseinanderzusetzen, versucht man es mit leicht handhabbaren, sogar popkulturellen Phänomenen.

Darin sieht Erk auch den Grund dafür, dass die jüngste Studie des Deutschen Bundestages zum Antisemitismus zu dem scheinbar überraschenden Ergebnis geführt hat, dass 2o Prozent der Deutschen latent antisemitisch eingestellt sind. Verblüffend sei daran zudem, dass allgemein verbreitet wird, die Lektion des Dritten Reiches sei ein für alle Male begriffen worden und es einen generellen Konsens zur Ablehnung von Nationalsozialismus gibt. Bei genauerem Hinsehen sei jedoch zu erkennen, dass der Zusammenhang zwischen rechtsradikalen antisemitischen Haltungen und dem Dritten Reich  nicht so einfach und banal begründet werden kann.

Ein wesentliches Manko besteht nach Meinung von Erk darin, sich mit den analytischen Schriften zum Nationalsozialismus beispielsweise von Joachim Fest zu beschäftigen – d. h. sie erst einmal zu lesen. Außerdem sei der Drang, sich diesbezüglich in die eigene Familiengeschichte zu vertiefen, wenig ausgeprägt.

Auch das offizielle Gedenken ist, so Erk, von bestimmten Phrasen beherrscht. Es treten dabei gewisse Ermüdungserscheinungen auf und moralische Bewertungen werden vorweggenommen. Das stetige Nennen der Opferzahlen des Zweiten Weltkriegs und des Holocoust sei nicht immer notwendig und hilfreich. ++ (hs/mgn/27.01.12 -27)

Leipzig/Nordhausen, 14. Dezember 2011 (ADN). „Bis zum heutigen Tag ist Zwangsarbeit nicht strafbewehrt.“ Das erklärte der Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Dr. Jens-Christian Wagner, am Dienstag bei einem Abendvortrag in Leipzig. Auch bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sei Zwangsarbeit nicht als Verbrechen gegen die Menaschlichkeit eingestuft worden. Deswegen hätten die Richter der alliierten Siegermächte den führenden Nationalsozialisten Fritz Sauckel, der von Adolf Hitler zum zentralen Verantwortlichen für die Arbeitskräftebeschaffung aus ganz Europa ernannt wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg nicht deswegen zum Tode verurteilt, sondern weil er dabei außerordentlich grausam vorgegangen ist.

Nach den Worten des Wissenschaftlers Wagner, der auch als Dozent an der Universität Göttingen tätig ist, muss nach Beheben dieses völkerrechtlichen Mangels eine entsprechende Strafvorschrift zudem noch in die jeweilige nationale Gesetzgebung Eingang finden. Auch in der Bundesrepublik Deutschland sei Zwangsarbeit nicht strafbar. Das bestätige nachdrücklich ein skandalträchtiges Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2005. Dabei ging es um die Rückübereignung eines Unternehmens an seinen Alteigentümer. Die Firma hatte Zwangsarbeiter während der Nazi-Zeit eingesetzt. Es konnten jedoch keine besonderen Brutalitäten nachgewiesen werden.

Die einzige Initiative, um Zwangsarbeit als Menschenrechtsverletzung zu ächten, stammt nach der Aussage von Wagner aus dem Jahr 1931. Sie sei von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ergriffen worden, jedoch bis in die Gegenwart folgenlos geblieben. Das merkwürdige Schweigen internationaler und nationaler Gesetzgeber zu dem globalen juristischen Missstand hält an.

Wagner wies darauf hin, dass die sogenannte Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft nur durch Druck zustande gekommen ist. Erst Sammelklagen, die in den USA gegen deutsche Unternehmen eingereicht wurden, führten zur Einrichtung des Entschädigungsfonds zugunsten der unter der Nazi-Herrschaft ausgebeuteten, vor allem aus Mittel- und Osteuropa gekommenen Zwangsarbeiter. Nur die Furcht vor transatlantischen Markt- und Absatzeinbußen habe die deutsche Industrie zum Einlenken gebracht. Inzwischen benutzen einige große Konzerne diese Zahlungen sogar als Marketing-Instrument, um ihren Produkten und Leistungen einen positiven Anstrich zu geben.

Der Leiter der in Nordhüringen gelegenen KZ-Gedenkstätte, an deren Standort im Krieg Zwangsarbeiter Waffen wie die V-2-Raketen herstellen mussten,  bezifferte die Zahl der im sogenannten Großdeutschen Reich eingesetzten Zwangsarbeiter auf etwa 13 Millionen. Zudem wurden in den von der Deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges besetzten Gebieten Europas weiterhin rund zehn Millionen Menschen zur Arbeit gezwungen.

Der Vortrag in der Leipziger Universitätsbibliothek bildete die Abschlussveranstaltung des zehnjährigen Gründungsjubiläums der Leipziger Zwangsarbeiter-Gedenkstätte im Nordosten der Stadt. ++ (zf/mgn/14.12.11 -32)

Leipzig/Köln, 1. Dezember 2011 (ADN). Verschleiern, Wegsehen, Ignorieren. Die richtige Wortwahl zu treffen, fiel Dr. Heribert Schwan am Mittwochabend in Leipzig schwer. Der ausgewiesene Kenner der Personalia Hannelore und Helmut Kohl kann nur vermuten, was die Familie des Ex-Bundeskanzlers bewogen hat, die Biographie des glühenden Nationalsozialisten und hochdotierten Wirtschaftsführers Wilhelm Renner lebenslänglich und kunstvoll zu umschiffen. „Seit 1933 war er Mitglied der NSDAP und es gibt keine Belege dafür, dass sich Hannelores Vater vom völkisch-rassistischen Antisemitismus seiner Partei in irgendeiner Weise distanziert hätte“, zitierte Schwan aus seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Die Frau an seiner Seite – Leben und Leiden der Hannelore Kohl“. Renner war Direktor in der HASAG AG, einem der größten Rüstungskonzerne in Nazi-Deutschland. Dort wurde Munition und die berühmt-berüchtigte Panzerfaust entwickelt und hergestellt – vor allem durch massenhafte Zwangsarbeit. „Von den ungefähr 22.000 KZ-Häftlingen, die bis zum Ende des Krieges die deutschen Lager der HASAG passierten, wurden nach neuesten Erkenntnissen 20 bis 30 Prozent ermordet. Insgesamt arbeiteten in den deutschen und polnischen Betrieben des HASAG-Konzerns mindestens 60.000 KZ-Häftlinge und sogenannte Àrbeitsjuden`. Das waren mehr als bei den mächtigen IG Farben. Gesichert sei, so berichtete Schwan bei der von der Gedenkstätte für Zwangsarbeit veranstalteten Buchlesung weiter, dass 32.000 dieser Frauen und Männer starben: am Arbeitsplatz, im Lager, durch Erschießungen im Anschluss an „Selektionen“ oder auf den Todesmärschen. Nach den Worten von Schwan haben Forscher festgestellt, dass sowohl qualitativ als auch quantitativ die HASAG dasjenige Unternehmen war, das stärker als alle anderen privatwirtschaftlichen Betriebe den skrupellosen Einsatz und Mord von KZ-Häftlingen und „Arbeitsjuden“ betrieb. Wilhelm Renner trug dafür maßgebliche Verantwortung und wurde bis zu seinem Tod 1952 dafür niemals zur Rechenschaft gezogen. Er flüchtete nach Kriegsende mit seiner Familie kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen aus Leipzig in die französische Besatzungszone.

Nach Ansicht von Schwan kommen auch permanente Verdrängung in Höchstpotenz oder vielwissendes Verschweigen als Kriterien in Betracht, um den erstaunlichen Umgang des Historikers Helmut Kohl mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seines Schwiegervaters zu erklären. Bloße Unkenntnis dürfte als wenig glaubhafte Ursache nicht zu vermitteln sein, zumal sich Kohl in seinen Memoiren geradezu uferlos in Schilderungenm über sein eigenes Elternhaus und deren Vorfahren ergeht. Zu seinen Schwiegereltern jedoch fallen bestenfalls zwei, drei harmlose Sätze.

Die frappierend einseitige Sichtweise des Spitzenpolitikers Kohl, der die Bundesrepublik Deutschland 16 Jahre lang regiert hat, sich als der Geschichte verpflichtete Person betrachtet und das geflügelte Wort von der „Gnade der späten Geburt“ prägte, lässt auf eiskaltes Machtkalkül schließen. Dies dominierte wohl die generelle Stimmungslage im Hause Kohl, unter der Ehefrau Hannelore immer mehr litt und sie letztlich in den Selbstmord getrieben hat.

Der Kölner Heribert Schwan, langjähriger Fersehjournalist beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Redakteur beim Deutschlandfunk, würdigte die für seine Recherchen wichtigen Untersuchungen der Leipziger Wissenschaftler Klaus Hesse und Mustafa Haikal. Der eine beschäftigt sich intensiv mit der Rüstungswirtschaft in Leipzig während des Dritten Reiches, der andere widmete sich eingehend mit der Historie des Helmholtz-Zenmtrums für Umweltforschung Leipzig(UFZ). In dessen denkmalgeschütztem Hauptverwaltungsgebäude, das ehemals die HASAG-Zentrale beherbergte und in dem Wilhelm Renner ein- und ausging, fand auch die Lesung statt. ++ (dr/mgn/01.12.11 – 25)