Archive für Beiträge mit Schlagwort: Ostdeutschland

München/Berlin/Dresden 17. August 2012 (ADN) .  Das Reizwort Vertreibung macht fast 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder die Runde – mitten in Deutschland. In der heutigen Freitag-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) steht die eigentlich nur mit Krieg unmd Gewalt in Zusammenhang gebrachte Vokabel sogar in der Überschrift. Das ist eine erbärmliche Premiere.  Wurden nach 1945 Deutsche aus ihrem Heim und von ihrer Scholle infolge der militärischen Niederlage vertrieben, so gehen sie gegenwärtig auch noch ihrer angestammten Mietbwohnungen verlustig. Waren früher Außenregionen Deutschlands betroffen, so erfolgen diese Schicksalsschläge nun mitten im Kernland . Dieses völkerrechtswidrige Treiben ist in vollem Gange. Besonders intensiv in Großstädten wie Berlin und München. Diese besondere Art von Krieg und Gewalt geht von der Macht des Geldes und des Finanzkapitals aus. Still und heimlich unterwandert es die Fundamente von Mietshäusern und sprengt völlig geräuschlos deren Wohngemeinschaften. Die Bewohner fliegen raus, weil sie die enorm steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können. Die neuen Eigentümer von Haus und Wohnung sind Wohlhabende und Reiche – auch aus dem Ausland.

Zu denen, die massenweise Vertreibung bewerkstelligen, gehört die Immobiliengesellschaft Philippe Starck. Sie kauft Miethäuser billig auf, saniert sie und verkauft die Wohnungen als Eigentumswohungen zu vielfach höheren Preisen. Früher oder später fliegen die ursprünglichen Bewohner aus dem nun zur teuren Luxusherberge gewandelten Haus raus auf die Straße. Die neuen Eigentümer wohnen nur zeitweilig dort oder vermieten an andere Betuchte weiter. Alles funktioniert in völliger sozialer Eiseskälte nach den Regeln der Buchhaltung und profitabel angelegter Investitionen. Die Käufer von Philippe Starcks Wohnungen kommen aus China, Thailand, Amerika, der Türkei oder dem Westen Deutschlands, schreibt die SZ. Besonders hoch sei der Anteil von Italienern an Starck‘ Kundschaft.

Eindrucksvolle Beispiele aus diesen beiden Metropolen schildert der SZ-Beitrag. Die meisten dieser Trauerspiele laufen in Ostdeutschland ab: Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte Andreas Keller in seinem Kiez in Friedrichshain im Osten Berlins. 20 Jahre in der kleinen Dachwohnung, davor 15 Jahre um die Ecke. Dann sanierte der neue Eigentümer das Haus. Seit einigen Monaten ist Keller raus, fern alter Freunde und seinem bisherigen Leben. Er landete schließlich im Stadtteil Lichtenberg, weil es für den 63jährigen ehemaligen Bühnenbildner und jetzigen Hartz-IV-Empfänger nur ein Suchkriterium für ein anderes Quartier gibt –  möglichst billig. 

In Abwandlung der Parabel des preußischen Militärtheoretikers und Generals Carl von Clausewitz, dass der klassische, mit Schwert und Schild geführte Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, verkörpert der moderne zivile Krieg die permanente Aussiedlung und Vertreibung großer Bevölkerungsteile von ihrer angestammten Erde aufgrund der Geldgier einiger weniger.  Diesen Trend bestätigt am selben Abend der Abschied der Dresdnerin Sylvia S. aus ihrem Haus in der Nähe des Elbufers. Gekommen sind rund 40 Freunde und Verwandte mit ihren Kindern und Familien, um ein letztes Mal  gemeinsam im Hausgarten mit ihr zu feiern.

Absehbar ist, dass sich gegen solche menschenverachtende Wohnungs- und Städtebaupolitik der Widerspruch und Widerstand immer lauter regt. Der Aufruf des bürgerlichen Revolutionäras Georg Büchner „Friede den Hütten, Krieg den Palästen !“ dürfte angesichts dessen bald nicht nur die Transparente und Reden auf Kundgebungen prägen. Dann wird diese von der Wissenschaft harmlos als Gentrifizierung bezeichnete schleichende Zivilisationskrankheit mit sehr handfesten und radikalen Medikamenten bekämpft werden. ++ (ms/mgn/17.08.12 – 236)

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Frankfurt (Main)/Halle (Saale). 28. Februar 2012 (ADN). Große Teile Ostdeutschlands werden niemals den Westen erreichen. Dieses vernichtende Urteil wird in einem Kommentar am heutigen Dienstagabend im Deutschlandfunk gefällt. Es kommt nicht von ungefähr. Quelle dieser ungeheuerlichen Erkenntnis ist eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie zur Ostförderung. Sie ist allerdings noch gar nicht veröffentlicht. Schon ein Jahr liegt die 131 Seiten starke Forschungsarbeit aus sechs Instituten im Geheim-Safe der Bundesregierung. Sie hat die Publikation des Gutachtens unter dem harmlosen Titel „Wirtschaftlicher Stand und Perspektiven für Ostdeutschland“, das inhaltlich wohl eher ein Bösachten ist,  untersagt. Im Kreis der Forschungsinstitute wird es als brisant eingeschätzt, schrieb gestern die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und öffnete mit weiteren unheilvollen Offenbarungen ein ungeheures Fass, das sich im Moment noch als geheimnisvolle „Pandora-Büchse“ geriert. Allerdings sind nun durch deren hauchdünne Ritzen bereits einige wenige giftige Substanzen wie dieser guillotinöse Satz über die ökonomische Abkopplung Ostdeutschlands gedrungen und dehnen sich gerade zu gigantischen Stinkbomben aus. Jederzeit können sie expoldieren.

Die sorgsam verschleierte Ost-West-Spaltung wird zementiert. Die sogenannten fünf neuen Bundesländer werden bis zum Boden ausgelutscht und veröden zusehends. Die FAZ zitiert einen an dem Gutachten beteiligten Ökonomen, in dessen Experten-Deutsch der Skandal folgendermaßen klingt: Mit Subventionen kann man kein nachhaltiges Wachstum erzwingen. Erschwerend komme der Wegzug gerade von jungen, gut ausgebildeten Menschen hinzu. Die neuen Länder haben eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte als der Westen. Dies sei auch ein Grund dafür, dass eine vollständige Angleichung an die Wirtschaftskraft des Westens immer unwahrscheinlicher werde.

So nüchtern kann das endgültige Todesurteil für einen schon halb geköpften Patienten lauten. ++ (wi/mgn/28.02.12 – 61)