Washington/Moskau/Berlin, 10. September 2013 (ADN). Um seinen Schülern die strenge Logik der lateinischen Sprache zu illustrieren, griff der in Thüringen bekannte Lehrer Anton Ott gern das bekannte Wortspiel „ex oriente lux“ (Das Licht kommt aus dem Osten) auf und wandelte es in „ex oriente pax“ (Der Frieden kommt aus dem Osten) um. Dass das nicht immer nur im Schneckentempo geschieht, sondern wie ein Blitz einschlagen kann, musste US-Außenminister John Kerry soeben erfahren. Kaum hatte er vor der Washingtoner Presse in einem lässig hingeworfenen Konjunktiv-Satz und so ganz nebenbei das Einsammeln syrischer Chemiewaffen als denkbar aber höchst unwahrscheinlich ins Spiel gebracht, um einen amerikanischen Militärschlag in Nahost zu vermeiden, wurde er aus dem fernen, Tausende Kilometer entfernten Moskau sofort festgenagelt. Postwendend und in lautstarker Eintracht erklärten die Außenminister Russlands und Syriens, Sergej Lawrow und Walid Muallem, ihr Einverständnis mit Kerry. Präsident Wladimir Putin reagiert am Diensta prompt. Er rechne sogar damit, dass Damaskus der Internationalen Konvention über das Verbot von chemischen Kampfstoffen beitritt.

Es brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis die US-amerikanische Führungsspitze begriff, dass sie vom orientalischen Friedens-Express urplötzlich überrollt worden ist. Der Osten hat der sonst so zähflüssig und hinter verschlosssenen Türen agierenden Diplomatie ein Schnippchen geschlagen und den Westen regelrecht überrumpelt. Nun kann das Abendland nicht mehr zurück. Moskaus diplomatische Kunst feiert fröhliche Urständ‘. Sie verschafft den Vereinten Nationen (UNO) wieder ihre ursprüngliche Vormacht und Reputation. Das gefährliche Kriegsspielzeug landete schnell wieder in der Kiste. Dass der Deckel drauf kommt und sicher verschlossen wird, darüber entscheiden die nächsten Tage.

Der jüngste Tempovorstoß ist vergleichbar dem vor rund 24 Jahren in Ostberlin. Unvermittelt und in Windeseile gelangt Kerry in Seelenverwandtschaft mit Günter Schabowski. Kaum hatte das SED-Politbüromitglied seinerzeit das mögliche Sofort eines Grenzübertritts der DDR-Bürger vor der verdutzten internationalen Presse verkündet, da rannten schon die ersten Ostdeutschen in Richtung Mauer zu Westberlin. Einige waren so schnell, dass die Grenzsperren noch gar nicht geöffnet waren. Wenn also die Friedens- und Entspannungsbemühungen jetzt im Nahen Osten die Geschwindigkeit der deutschen Wiedervereinigung zur Richtschnur machen, dann könnte im nächsten Jahr der 1. September als offizieller Weltfriedenstag auch in Damaskus, Aleppo und Homs furcht- und vorbehaltlos gefeiert werden. ++ (dp/mgn/10.09.13 – 248)

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